Alle wieder da?

 
von Evangelischer Pressedienst

Julia Schnizlein über die Zeit nach dem Sommer

An diesem Wochenende erwacht Österreich aus seinem sommerlichen Dornröschenschlaf. Es werden wieder Schultaschen gepackt und Wecker gestellt. Die Büros füllen sich, die Postfächer auch. Das Fernsehprogramm bringt endlich wieder neue Filme statt der x-ten Wiederholung, und beim Bäcker steht morgens wieder eine Schlange.

Das Land fährt hoch. Für manche ist das schön. Endlich wieder Struktur, die Kolleginnen oder die Freunde in der Schule wiedersehen. Ein neuer Anfang! Aber nicht jeder freut sich, wenn es wieder losgeht.

Da ist die Mutter, die um 6 Uhr aufsteht, zwei Kinder weckt, Frühstück macht, Jausenbrote schmiert und schon auf die Uhr schaut. Sie ist alleinerziehend. Um 8 Uhr muss sie in der Arbeit sein. Während sie einem Kind die Schuhe zubindet, denkt sie an den Herbst und all die Infekte, die kommen werden. Was, wenn eines der Kinder wieder krank wird? Wie oft kann sie noch in der Firma anrufen und sich entschuldigen? Wie lange hat der Chef Verständnis? Und wer fängt eigentlich sie auf, wenn sie nicht mehr kann?

Da ist der Mann, der nach einem Burnout an seinen Arbeitsplatz zurückkehrt. Alle sagen: Schön, dass du wieder da bist. Er lächelt. Aber in seinem Bauch sitzt die Angst. Was, wenn es wieder anfängt? Wenn er wieder nicht schlafen kann? Wenn das Herz rast, sobald das Handy klingelt? Und vor allem: Was, wenn alle merken, dass er innerlich noch nicht ganz da ist. Dass er nicht mehr der Alte ist?

Da ist die Frau, die seit Monaten ihren Mann pflegt. Der Sommer war für sie keine Pause. Krankheit macht keine Ferien. Während andere Urlaubsfotos verschickt haben, hat sie Medikamente sortiert, Arzttermine organisiert und nachts gelauscht, ob neben ihr alles in Ordnung ist. Wenn jemand fragt: „Und, gut erholt?“, sagt sie: „Ja, danke.“ Weil die ehrliche Antwort zu lang wäre.

Und da ist der Jugendliche, dessen Eltern sagen: Jetzt beginnt wieder der Ernst des Lebens. Für ihn hat der Ernst nie aufgehört. Seit Monaten ist da diese Schwere, die nicht weggeht. Morgens aufzustehen kostet ihn manchmal mehr Kraft, als andere an einem ganzen Tag brauchen. Er sieht, wie die anderen scheinbar mühelos weitermachen. Und fragt sich: Warum schaffe ich nicht, was alle anderen schaffen?

Das Land fährt wieder hoch. Aber Menschen sind keine Computer

Wir drücken nicht Anfang September auf einen Knopf und sind wieder voll da. Voller Energie, belastbar und bereit für alles, was kommt. Wir starten mit unterschiedlichen Voraussetzungen ins neue Arbeitsjahr. Aber wir können mit einem gemeinsamen Vorsatz starten: Mehr aufeinander achten!

In der Bibel steht ein Satz, der für mich erstaunlich gut in diese ersten Septembertage passt: „Einer trage des andern Last.“ Darin steckt eine ziemlich radikale Idee: Wir gehören zusammen. Und es kann uns nicht egal sein, wie es dem anderen geht.

Denn die schwersten Lasten eines Menschen sieht man nicht. Die Angst, wieder krank zu werden. Die Sorge um die Kinder. Die Erschöpfung nach einer schlaflosen Nacht. Die Schwere, die schon morgens da ist. Wir begegnen jeden Tag Menschen, die etwas davon mit sich herumtragen. Im Büro, vor der Schule, im Stiegenhaus, in der Bäckerschlange. Meistens wissen wir nichts davon.

„Einer trage des andern Last“ heißt nicht, dass wir die Probleme anderer lösen müssen. Aber wir können hinschauen. Nachfragen. Zuhören. Nicht vorschnell urteilen. Und manchmal ganz konkret fragen: Was kann ich dir abnehmen? Und genauso dürfen wir sagen, wenn die eigene Last zu schwer wird. Denn niemand ist immer nur stark. Heute trage ich ein Stück für dich. Morgen brauche vielleicht ich jemanden, der für mich mitträgt.

Jetzt fährt Österreich wieder hoch. Wir werden arbeiten, lernen, organisieren und leisten. Aber eine Gesellschaft ist nicht nur dann stark, wenn viele viel leisten. Sondern auch dann, wenn wir einander tragen, wenn es für einen allein zu schwer wird.

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