GEKE-Generalsekretär Mario Fischer: Gemeinsam am Tisch bleiben
Scheidender Generalsekretär sprach über Rolle und Herausforderungen der evangelischen europäischen Kirchengemeinschaft
Wien (epdÖ) Angesichts der demografischen Entwicklungen und der damit verbunden sinkenden Mitgliederzahlen stehen die evangelischen Kirchen in Europa vor der zentralen Herausforderung, „wie wir mit existenziellen Fragen Menschen erreichen“, sagt der scheidende Generalsekretär der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa (GEKE), Mario Fischer. Am Dienstagabend, 24. Februar, sprach Fischer vor Medienvertreter:innen in Wien über die Rolle und Herausforderungen der protestantischen Kirchengemeinschaft, die 1973 auf dem Leuenberg in der Schweiz gegründet wurde und heute 94 Mitgliedskirchen umfasst. Die „Leuenberger Konkordie“ bewirkte eine gegenseitige Anerkennung der unterschiedlichen protestantischen Kirchen und ermöglichte Kanzel- und Abendmahlsgemeinschaft. Seither kann z.B. ein lutherischer Pfarrer auf einer reformierten Kanzel predigen, oder eine französische protestantische Pfarrerin eine Gemeinde in Deutschland leiten.
Mario Fischer ist der erste hauptamtliche Generalsekretär der GEKE, die ihren Sitz in Wien hat. Er folgte als Generalsekretär 2018 auf den damaligen lutherischen Bischof Michael Bünker. Mit 1. Mai wechselt Fischer nun zum Konfessionskundlichen Institut in Bensheim (D), dessen Leitung er übernimmt. Als Generalsekretärin der GEKE folgt ihm die deutsche Pfarrerin Susanne Schenk nach.
Das Modell der Kirchengemeinschaft habe sich bewährt, ist Fischer überzeugt, denn erstmals sei es möglich, dass trotz unterschiedlicher kirchlicher Identitäten „wir gemeinsam evangelische Kirche sind unabhängig von der Mitgliedschaft“. Letztlich solle sich Kirche „dort zeigen, wo man vor Ort lebt“, die Organisation trete dabei „eher in den Hintergrund“.
Gleichzeitig hätten vielfältige Europäisierungsprozesse gezeigt, dass es einen Ansprechpartner der evangelischen Kirchen auf europäischer Ebene brauche, auch diese Funktion leiste die GEKE. Die Kirchengemeinschaft lebe durch ihre Mitgliedskirchen als Gottesdienstgemeinde vor Ort, im Austausch über Lehre und Dienst, in Solidarität und im ökumenischen Dialog mit anderen Konfessionen.
Die GEKE bilde damit ein Plattform, in der sich Kirchen auch unabhängig von ihrer finanziellen Stärke begegnen, denn alle hätten ungeachtet der Größe die gleichen Stimmrechte. Mit 40 Millionen Mitgliedern stellten die protestantischen Kirchen in Europa einen Bevölkerungsanteil von rund 8 Prozent, die 3 Prozent Evangelischen in Österreich seien in ihrer Minderheitensituation etwa ein „normaler Durchschnitt“.
Seit 2016 hätten sich in Europa „extreme Polarisierungen“ ausgebildet, bemerkt Fischer. In einem Szenario, in dem „die europäische Vielfalt nicht mehr wahrgenommen“ werde, hätten Kirchen die Chance, Brückenbauer zu sein. Allerdings ziehen sich politische Konflikte auch quer durch die Kirchen, so der Generalsekretär. Dennoch seien sich die Mitgliedskirchen bewusst, „dass unsere Gemeinschaft ein so hohes Gut ist, das niemand aufgeben will“. Wichtig sei, trotz unterschiedlicher Positionen „gemeinsam am Tisch zu bleiben, nicht nur am Tisch des Herrn, sondern am Tisch des Gesprächs“.
In Lehrgesprächen und Studienprozessen greift die GEKE aktuelle theologische und ethische Fragen auf. Fischer erinnert in diesem Zusammenhang an die Publikation zum Thema Sterbehilfe, die in vielen Mitgliedskirchen breit rezipiert wurde, oder etwa an jene zur Reproduktionsmedizin. Als herausforderndsten Prozess der letzten Jahre erlebte Fischer die Debatte zum Thema Geschlechterindentitäten, die in die Publikation „Gender, Sexuality, Family and Marriage“ mündete. Die Reflexion von Geschlecht und Sexualität hatte eine Vielzahl von Positionen und Antworten aufgezeigt und innerhalb der GEKE auch für Meinungsverschiedenheiten gesorgt, die ungarische Delegation war aus diesem Grund etwa der letzten Vollversammlung ferngeblieben. „Die Themen Gender/Sexualität und Migration spalten die Gesellschaft und die Kirchen so tief, dass es schwer ist, da noch zusammenzukommen“, beobachtet der Generalsekretär. Während bei der Vollversammlung vor 25 Jahren in Belfast sich die GEKE noch als „die eine evangelische Stimme in Europa“ verstanden habe, gehe es heute eher darum, die Mitgliedskirchen zu befähigen, „die evangelische Stimme in ihren jeweiligen Kontext einzubringen“.
Ihre Themen wollen die Evangelischen Kirchen in Europa auch künftig im gesellschaftlichen Diskurs verankern, bekräftigt Fischer, „wir sind überzeugt, dass diese Gesellschaft ein Ackerfeld Gottes ist und wir eine frohe Botschaft zu bringen haben.“