Schöpfungsverantwortung

 
von Evangelischer Pressedienst

Maria Katharina Moser über Erntedank in Zeiten der Wetterextreme

Leopold steigen die Tränen in die Augen, als er sagt: „Ich muss die Rindsviecher verkaufen. Und momentan bekommt man einen wirklich schlechten Preis. Aber es geht nicht anders. Ich hab kein Futter. Meine Futterwiesen haben nichts abgeworfen. Bei der Hitze und Trockenheit sind sie verdorrt. Und Futter kaufen ist gerade extrem teuer, wenn man überhaupt was bekommt.“

Der Hitzesommer hat den österreichischen Landwirten schwer zugesetzt. Nicht nur sie ringen um ihre Existenz. Auf der ganzen Welt kämpfen Bauern und Bäuerinnen mit Dürre und Überschwemmungen. Und es stehen ihnen schlimme Zeiten bevor. Seit Juni baut sich im Pazifik ein so genanntes El Nino Ereignis auf. In einem bisher nie gewesenen Ausmaß. Das Meer heizt sich extrem auf. Das führt zu klimatischen Kettenreaktionen. Das Wetter gerät völlig durcheinander. Australien, Südostasien und Teilen Afrikas steht extreme Hitze und Trockenheit bevor. An den sonst eher trockenen Pazifikküsten Südamerikas und im Süden der USA wird es zu sintflutartigen Regenfällen kommen. Der Klimawandel hat die Landwirtschaft fest im Griff.

Freilich, Menschen mussten immer schon der Natur ihre Existenzgrundlage abringen. Bauern waren immer schon Wetter und Naturgewalten ausgeliefert. Doch heute ist der Mensch selbst zur mächtigsten Naturgewalt geworden, zur Bedrohung für die Natur und damit für seine eigene Existenzgrundlage.

Die christliche Tradition sei schuld am Klimawandel, sagen manche. In der Bibel stehe, macht euch die Erde untertan. Und das hätte die Menschheit getan, sie herrscht mit Hybris über die Natur. Andere wiederum sagen, es sei Hybris, zu meinen, Menschen könnten dergestalt über die Natur herrschen, dass sie das Klima beeinflussen und leugnen den Menschen gemachten Klimawandel. Klima verändere sich ständig, die Natur nimmt ihren Lauf, wer glaubt, da etwas machen zu können, lästere Gott. Beide Meinungen gehen an der biblischen Botschaft vorbei.

Die Bibel erzählt, dass Gott die Welt und mit ihr den Menschen geschaffen hat. Der Mensch ist Teil der Schöpfung. Er ist von Gott in die Schöpfung gestellt wie in einen Garten, um ihn zu bebauen und zu bewahren. Wir Menschen haben uns und unsere Welt nicht selber geschaffen, die Schöpfung ist uns geschenkt. Das Erntedankfest, das heute gefeiert wird, ist Ausdruck des Dankes für dieses Geschenk – ein Geschenk, das den Menschen in die Verantwortung ruft. Jede und jeder, der anderen ein Geschenk macht, wünscht sich, dass der Beschenkte das Geschenk nicht in einer Ecke vergammeln lässt oder gar mutwillig kaputt macht, sondern etwas damit anfängt und sorgsam und pfleglich damit umgeht. Den Garten der Schöpfung bebauen heißt, die Natur kultivieren, und bewahren heißt, die Natur zu schützen. Genau darum geht es bei der Schöpfungsverantwortung. Dazu gehört heute Klimaschutz. Maßnahmen zu treffen, um den Menschen gemachten Klimawandel zu stoppen.

Die Schöpfung und der Mensch als Geschöpf sind miteinander verwoben, und die Gestaltungsmacht des Menschen ist begrenzt, das sagt uns der Glaube. Die Verwobenheit von Mensch und Natur hat sich seit der Industrialisierung gravierend verändert, der Mensch beeinflusst das planetare Klima, das sagt uns die Wissenschaft. Der Menschen gemachte Klimawandel ist keine Glaubensfrage, sondern ein unzählige Male wissenschaftlich festgestelltes Faktum.

Um Verantwortung für die Schöpfung zu übernehmen und gleichzeitig demütig die Begrenztheit menschlicher Handlungsmacht anzunehmen, hilft mir ein bekanntes Gebet, das dem U.S.-amerikanischen Theologen Reinhold Niebuhr zugeschrieben wird: „Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.“ Ich will es heute zu Erntedank beten.

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