Wien: Podiumsdiskussion zum Thema Widerstand und Verantwortung

 
von Evangelischer Pressedienst

Im Vorfeld der Toleranzgespräche 2026 – „Empörung allein genügt nicht, es braucht auch Engagement“

Wien (epdÖ) – Das Wortpaar „Widerstand und Verantwortung“ stand am 12. März im Mittelpunkt des diesjährigen Europaforums der Europäischen Toleranzgespräche (ETG) im Club Carinthia der BKS Bank Wien. Bei der Podiumsdiskussion im Vorfeld der heurigen Toleranzgespräche im Kärntner Bergdorf Fresach wurde klar, dass es zumindest so viele unterschiedliche Formen des Widerstands gegen herrschendes Unrecht gibt wie Missverständnisse im Umgang mit Tyrannen, Terror und politischem Extremismus. Veranstalter war der Verein „Denk.Raum.Fresach“, der laut Eigendefinition den grenzüberschreitenden Dialog zu Fragen des gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Zusammenlebens in Europa und darüber hinaus fördert.

Viele Gründe des Widerstands

Laut dem Präsidenten des Kuratoriums der Toleranzgespräche, Hannes Swoboda, kann Widerstand aus verschiedensten Gründen entstehen – aus dem Glauben oder aus einer politischen Einstellung. Aber auch Bequemlichkeit kann aus dem Glauben kommen: „Da gibt es einen Spruch: Gebt Gott, was Gottes ist, und dem Kaiser, was des Kaisers ist. Und der Kaiser ist halt jetzt ein böser Mann. In allen Fragen des Widerstands sollte es aber immer um das Menschliche gehen, und nicht um das absolute Rechthaben.“ Swoboda zufolge gebe es keine Regeln, wie Widerstand entsteht. Wenn jemand überzeugt sei, selbst die Wahrheit zu haben, sei es wichtig, auch im Widerstand zu wissen, „dass man nicht die Wahrheit gepachtet“ hat. Auch im Widerstand „muss ich als Mensch agieren und den Gegner als Menschen sehen“.

Die Psychotherapeutin und Superintendentialkuratorin von Kärnten-Osttirol, Margarethe Prinz-Büchl, bestätigte, dass sich der Widerstand aus ganz unterschiedlichen Quellen speise. Eine starke Regung zum Widerstand komme etwa daher, dass persönliche Werte verletzt werden. Als nächstes brauche es aber dann auch viel Mut, den Widerstand nach außen zu tragen, in welcher Form auch immer. Ein Wert sei zum Beispiel die Freiheit. „Wenn ich merke, dass meine persönliche Freiheit infrage gestellt oder eingeschränkt wird, gehe ich in den Widerstand.“

Für den Autor und Psychologen Arnold Mettnitzer heißt Widerstand, die Augen aufzumachen und gerade dort hinzuschauen, wo man etwa aus Bequemlichkeit blind geworden ist und Dinge nicht sehen will, weil es unbequem ist, etwas anzugehen. „Empörung allein genügt eben nicht, es braucht auch Engagement, wenn man etwas verändern will“, so Mettnitzer. In diesem Zusammenhang hielt er ein Plädoyer für den Humor, den er als „Klugheit des inneren Gleichgewichtes“ bezeichnete.

Ines Knoll: „Wir brauchen den Widerstand, und der Widerstand braucht uns“

Widerstand sei ein Missverständnis schlechthin, gab beim Europaforum die evangelische Theologin Ines Charlotte Knoll zu Bedenken. Es gäbe so viele Widerstände, wie es Menschen gibt, und es gäbe auch so viele Missverständnisse, wie es Menschen gibt. Widerstand sei nicht jedermanns Sache, daher immer individuell zu definieren, unterstrich Knoll. „Wir brauchen den Widerstand, und der Widerstand braucht uns“, betonte die Theologin. Widerständiges Denken sei ein Ausdruck von Mündigkeit, für die Schriftstellerin Ingeborg Bachmann sei Widerstand eine „hochindividuelle Angelegenheit“ gewesen.

Knoll verwehrte sich klar gegen den „Tyrannenmord“ als ein Mittel des Widerstands. „Es liegt in der Natur der Menschen, dass wir einander mit Waffen begegnen. Aber es gibt etwas, das darüber hinaus geht. Ich würde immer hoffen, dass wir das Gespräch suchen, über alle Kanäle, um aus dem Bunker der Gewaltexistenz herauszukommen“, so Knoll.

Der Realität von Rechts- und Gewaltverbrechern ins Auge sehen

Hannes Swoboda verwies hingegen auf die Realität: „Wenn die Leute zum Psychotherapeuten kommen, dann wollen sie reden. Aber hat ein Hitler, Stalin reden wollen? Ein Putin? Das ist doch eine Illusion.“ Es gäbe Menschen, die zur Durchsetzung ihrer Ziele Gewalt anwenden wollten und sich von keinem Gespräch davon abbringen ließen. „Wir können uns die Welt nicht mit schönen Worten zurechtlegen, wir müssen der Realität von Rechts- und Gewaltverbrechern ins Auge sehen“, so Swoboda. Margarethe Prinz-Büchl stimmte dem grundsätzlich zu: Ein Gespräch könne eine Brücke sein, aber eine Brücke brauche zwei Ufer. „Und wenn auf der anderen Seite Desinteresse besteht oder eigene Pläne stehen, dann ist es nicht möglich, in die Nähe eines Verständnisses zu kommen.“

Europäische Toleranzgespräche 2026: Vielfältiges Programm

Was bedeutet verantwortungsbewusster Widerstand, wie kann friedliche Rebellion gegen Unrecht und Ungerechtigkeit heute aussehen? Mit diesen Fragen werden sich die Europäischen Toleranzgespräche vom 17. bis 24. Mai 2026 im Kärntner Bergdorf Fresach weiter eingehend befassen.

An dem dichten Debattenprogramm nehmen über 40 Expert:innen aus Philosophie und Religion, Wirtschaft und Wissenschaft teil. Das Programm ist hier abrufbar: www.fresach.org/tagesprogramm-2026/

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