Grete rennt
Die Karwoche erinnert daran, dass im Leiden kein Sinn ist, erklärt Michael Chalupka
Der Palmsonntag war ein sonniger Frühlingstag, als die Sirenen wieder heulten. Grete war 14. Grete wusste, was zu tun war. Neben dem Bett stand ein kleiner Rucksack mit frischer Wäsche und ein paar Stücken Brot und einem Apfel aus dem Garten. Sie rannte los mit ihrer kleinen siebenjährigen Schwester an der Hand. Wenn diese nicht mehr Schritt halten konnte, nahm sie sie auf den Rücken und rannte weiter. Ziel waren die Luftschutzstollen im Grazer Schlossberg, gegraben von sowjetischen Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern des NS-Regimes. 164 alliierte Bomber und ihre Bombenlast verdunkelten den Himmel. Für Angst und Schrecken blieb keine Zeit. Sie mussten rennen.
Heute sind beide hochbetagt und blicken auf ein gesegnetes Leben im Frieden der Nachkriegszeit zurück. Doch die Schrecken des Krieges vergisst man nicht. Vor allem wenn der Krieg allgegenwärtig ist.
Die beginnende Karwoche erinnert uns daran. Sie erinnert uns daran, was Menschen anderen Menschen antun können. Sie erinnert uns daran, dass der Schmerz und das Leiden wirklich sind, Stunde für Stunde und Woche für Woche. Jesus selbst hat diesen Schmerz durchlitten. Die Karwoche erinnert mich daran, dass im Leiden kein Sinn ist. Gott will nicht, dass Menschen leiden. Der Ruf nach Frieden gilt heute als naiv. Mag sein. Und trotzdem wünsche ich mir, dass keine Kinder mehr rennen müssen, wenn die Kriegsherren über ihnen den Himmel verdunkeln.