ORF-Generaldirektorin Thurnher traf Spitzen der Religionsgemeinschaften
Bischöfin Richter: Unabhängiger Journalismus über den Verdacht der religiösen Parteilichkeit erhaben
Wien (epdÖ) – Die interimistische ORF-Generaldirektorin Ingrid Thurnher ist am Dienstagabend, 14. April, erstmals mit den Spitzen der Kirchen und Religionsgesellschaften zum Gedankenaustausch zusammengetroffen. Im Zentrum der Veranstaltung im ORF-Mediencampus in Wien stand der offene Dialog über Programmstrategien, gesellschaftliche Erwartungen und die Rolle des öffentlich-rechtlichen Rundfunks angesichts tiefgreifender gesellschaftlicher und medialer Veränderungen.
Übereinstimmend wurde festgestellt, dass Religion trotz aller Veränderungen einen bleibenden Stellenwert im persönlichen und gesellschaftlichen Leben vieler hat und dass der ORF im Rahmen seines Programmauftrages dem gebührend und qualitätsvoll Rechnung trägt. Die Vertreterinnen und Vertreter der gesetzlich anerkannten Kirchen und Religionsgesellschaften unterstrichen die Bedeutung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks für die Allgemeinheit und würdigten unisono vor allem die Qualität der Programme der ORF-Hauptabteilung „Religion und Ethik multimedial“.
Thurnher: Unabhängiger Religionsjournalismus als demokratische Notwendigkeit
„Unabhängiger Religionsjournalismus ist heute keine Nische mehr. Er ist eine demokratische Notwendigkeit. Religion ist zurück im Zentrum gesellschaftlicher Auseinandersetzungen: politisch wirksam, ethisch aufgeladen, kulturell umkämpft“, stellte Thurnher einleitend fest. Gerade deshalb brauche es einen Journalismus, der hinschaut, einordnet und auch widerspricht. „Ein Religionsjournalismus – so wie wir ihn verstehen – braucht klare Prinzipien: Unabhängigkeit, Fach- und Sachkenntnis, sprachliche Präzision und die Fähigkeit zur Kritik ohne Polemik“, betonte die interimistische Generaldirektorin.
Für die Berichterstattung des ORF über Kirchen und Religionsgesellschaften brauche es auch deren Offenheit, Auskunftsbereitschaft und die Bereitschaft zum Dialog, zur Diskussion und zur kritischen Auseinandersetzung. „Sie gestalten unsere Gesellschaft mit – in ihrer Vielfalt, in ihrem Engagement, in ihrer Suche nach Sinn und Orientierung“, sagte Thurnher in Richtung der Religionsgemeinschaften.
Bischöfin Cornelia Richter (re.) und Erzbischof Josef Grünwidl im Gespräch mit ORF-Interims-Generaldirektorin Ingrid Thurnher. (Foto: epd/Uschmann)
Richter: Neue Argumente und Perspektiven anbieten
Für Bischöfin Cornelia Richter ist unabhängiger Journalismus über den Verdacht der religiösen und/oder religionsgemeinschaftlichen Parteilichkeit erhaben. Besonders in Krisenzeiten seien die Menschen auf Sinn- und Lebensorientierung angewiesen. Die Aufgabe des ORF sehe sie darin, Menschen über aktuelle Entwicklungen zu informieren und überparteilich und kritisch neue Argumente und Perspektiven anzubieten, so die Bischöfin.
Der römisch-katholische Wiener Erzbischof Josef Grünwidl bekräftigte die Notwendigkeit eines qualitätsvollen Religionsjournalismus: Kirchliche Medienpräsenz dürfe sich nicht auf „Hofberichterstattung“ beschränken. Kritischer Religionsjournalismus sei hilfreich und wünschenswert, sofern er fair ist und auf solider Recherche beruhe.
Zum Dialog gekommen waren neben Richter und Grünwidl u.a. auch Maria Kubin, Bischöfin der Altkatholischen Kirche, Jaron Engelmayer, Oberrabbiner der Israelitischen Kultusgemeinde Wien, sowie Ümit Vural, Präsident der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich, und Gerhard Weißgrab, Präsident der Österreichischen Buddhistischen Religionsgesellschaft. Von den Evangelischen Kirchen nahmen auch Synodenpräsidentin Ingrid Monjencs, der reformierte Landessuperintendent Ralf Stoffers und der methodistische Superintendent Stefan Schröckenfuchs teil, auch Diakonie-Direktorin Maria Katharina Moser war zugegen.
Moderiert wurde die Gesprächsrunde von Barbara Krenn, Leiterin der ORF-Hauptabteilung „Religion und Ethik – multimedial“, die u.a. die strategischen Neuausrichtungen im Programmangebot präsentierte. Ausgangspunkt dafür sind die veränderten Mediengewohnheiten in der Gesellschaft und die vom ORF initiierte Studie „Was glaubt Österreich?“ der Universität Wien, die deutlich veränderte Glaubens- und Wertvorstellungen der Menschen in Österreich belegt.
Vorgestellt wurden u.a. digitale Explainer-Formate wie die Serie „Schlüsselmomente der Religionen“, die ausgehend von ikonischen Fotografien Wendepunkte der Religionsgeschichte beleuchten, und die Serie „Was im Leben zählt“, die sich anhand von zehn Philosophinnen und Philosophen grundlegenden Fragen des Zusammenlebens widmet. Neu entwickelte Podcast-Formate wie „Macht und Herrlichkeit – der Ö1-Popecast“, der sich der Geschichte des Papsttums im Spannungsfeld von Religion, Politik und Macht widmet, und der Ethikpodcast „Die entscheidende Frage“ wurden ebenso präsentiert. Wie Krenn ausführte, wolle der ORF mit den neuen „Was glaubt Österreich?-Zaungesprächen“ zum gesellschaftlichen Austausch über verschiedene Ansichten zu Wert- und Glaubensvorstellungen beitragen.