Was uns verbindet

 
von Evangelischer Pressedienst

Fürsorge ist kein Grund zur Scham, betont Maria Katharina Moser.

Karin ist schon bei der Wohnungstür, da macht sie wieder kehrt. Sie sollte einkaufen gehen, der Kühlschrank ist leer. Doch sie hat nicht die Kraft, das Haus zu verlassen. Sie fürchtet die Begegnung mit Menschen. Karin hat Neurodermitis. Schuppig, rot, entzündet ist ihre Haut, löst sich großflächig ab. Neurodermitis ist nicht ansteckend. Und doch weichen die Menschen vor Karin zurück. „Wie die Leute mich anstarren. Oder den Blick rasch abwenden. Ich möchte einfach in Grund und Boden versinken“, sagt Karin.

Das Gefühl, in Grund und Boden versinken zu wollen, kennen, glaube ich, viele von uns. Es ist ein Ausdruck von Scham. Wir schämen uns, wenn wir uns entblößt fühlen. Wenn wir Erwartungen, Anforderungen und Ideale nicht erfüllen können. Oft hat Scham mit unserem Körper zu tun, der uns unzulänglich erscheint. In unserer Welt der Fitness und Schönheitsideale zumal. Da werden die verquollenen Tränensäcke unter den Augen in der Früh mit abschwellender Creme bearbeitet und Fettpölsterchen wegtrainiert.

Deswegen sind auch Krankheit und Pflegebedarf für viele ein so schwieriges Thema. Wie oft erlebe ich, dass Menschen sagen: Da sterbe ich lieber, bevor ich Pflege brauche und auf andere angewiesen bin. Wenn wir Pflege brauchen, ist klar, dass unsere Selbstoptimierung und Leistungsfähigkeit an ihre Grenzen gekommen sind. Wenn wir Pflege brauchen, müssen wir etwas preisgeben, was wir verbergen wollen: Gebrechlichkeit, Nacktheit, Ausscheidungen. Unsere Verletzlichkeit wird fremden Blicken ausgesetzt.

Wie so oft, hilft da ein Blick in die Bibel. Im Alten Testament gibt es eine Stelle, die mir zu Herzen geht. Da spricht der große, für seine Weisheit berühmte König Salomo. Und er sagt über sich selbst: „Auch ich bin ein sterblicher Mensch wie alle andern, ein Nachkomme des ersten aus Erde geschaffenen Menschen, und bin Fleisch, im Mutterleib zehn Monate lang gebildet, im Blut zusammengeronnen aus Mannessamen und der Lust, die im Beischlaf dazukam. Auch ich habe, als ich geboren war, Atem geholt aus der Luft, die allen gemeinsam ist, und bin gefallen auf die Erde, die alle in gleicher Weise trägt; und Weinen war wie bei allen mein erster Laut; und ich bin in Windeln gelegt und voll Fürsorge aufgezogen worden. Denn selbst ein König hatte niemals einen andern Anfang seines Lebens, sondern alle haben denselben Eingang in das Leben und auch den gleichen Ausgang.“

„Auch ich“, so hebt König Salomo an. Auch ich bin ein sterblicher Mensch. Wie alle anderen. Der König schildert, was uns Menschen miteinander verbindet. Wir alle wurden geboren. Spannend für einen so alten Text aus der Bibel finde ich die lebensnahe Beschreibung von Zeugung, Schwangerschaft und Geburt, Körperflüssigkeiten und Beischlaf inklusive. Wir alle atmen die gemeinsame Luft und fallen auf dieselbe Erde. Wir alle beginnen unser Leben mit Weinen und brauchen Fürsorge. Wir müssen uns nicht dafür schämen.

Freilich, sich zu schämen, ist nicht falsch. Scham hilft uns, sensibel zu sein für unsere Grenzen. Schamgefühle zeigen uns, wenn unsere Bedürfnisse verletzt werden – das Bedürfnis nach Privatsphäre, nach körperlicher Integrität, nach Anerkennung, nach Zugehörigkeit. Doch der Grund für Scham liegt oft in gesellschaftlichen Vorstellungen. Und die können falsch sein. Wie eben die Vorstellung, dass Leistung das ist, was zählt, und dass Autonomie das Ideal, krank und auf andere angewiesen zu sein hingegen ein Makel ist. Krankheit, Körper, Fürsorge brauchen – all das trennt uns nicht. Das verbindet uns. Das ist menschlich. Und königlich.

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