Der Tabubruch
Michael Chalupka über die „Ersatzreligion“ Fußball
Die Götter tanzen wieder. Die Wallfahrer ziehen in langen Kolonnen durch die Städte, die heiligen Stätten öffnen sich den feiernden Massen. Diese singen Wallfahrtslieder, tragen Fahnen und Standarten, wie bei jeder richtigen Wallfahrt. Das größte religiöse Spektakel des Jahres strebt seinem Höhepunkt zu: die Fußballweltmeisterschaft. Am Ende winkt der heilige Gral, der WM-Pokal. Die siegreichen Fußballer werden ihn am Ende gegen den Himmel recken.
Die Götter heißen Mbappé, Messi oder Ronaldo, der im Abschied, zu Tränen gerührt, ganz menschlich wirkte. Sie sind mit Gold nicht aufzuwiegen.
Ganz Deutschland ergeht sich in Bußübungen. Das Ausscheiden beim Spiel mit dem runden Leder ist eine nationale Katastrophe. Julian Nagelsmann hat die Schuld nicht auf sich genommen. Er ist Geschichte.
Aber auch wenn der Fußball alle äußeren Anzeichen einer Religion hat, so bleibt er doch nur eine Ersatzreligion – ein Ersatz, der alle schönen und gefährlichen Seiten der Religion haben kann. Das geht vom Glücksgefühl bei der ekstatischen Anbetung der Goalgetter bis zum Fanatismus rivalisierender Fangruppen, die an die Glaubenskämpfe erinnern. Doch nach den Spielen wird vieles vergeben und vergessen sein. Dass aber bei diesen Spielen der US-Präsident die Regeln des Spiels außer Kraft gesetzt hat, fällt im Fußball wohl unter die Sünden wider den Geist des Spiels, die nicht vergeben werden können.
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