Mauthausen: Ökumenischer Gottesdienst bei internationaler Befreiungsfeier in KZ-Gedenkstätte
Bischöfin Richter: Gemeinsamer Einsatz für Frieden – Bischof Scheuer: Warnung vor Mitläufern
Linz (epdÖ) – Unter dem Titel „Täter und Täterinnen im Nationalsozialismus“ fand am Sonntag, 10. Mai, die diesjährige internationale Befreiungsfeier in der KZ-Gedenkstätte Mauthausen statt. Traditionellerweise wurde die Gedenkfeier 81 Jahre nach der Befreiung des Konzentrationslagers Mauthausen am Vormittag mit einem ökumenischen Gottesdienst in der Kapelle der Gedenkstätte eröffnet, an dem die evangelisch-lutherische Bischöfin Cornelia Richter, der Linzer römisch-katholische Bischof Manfred Scheuer und der Wiener orthodoxe Bischofsvikar Ioannis Nikolitsis mitwirkten.
In einem Gebet wandte sich Bischöfin Richter an Gott: „Verzagt stehen wir vor Dir, weil wir wissen, dass diese Welt selten aus der Geschichte lernt. Weil sich die Gewalt langsam ihren Weg bahnt, weil Menschen jederzeit wieder zu Täterinnen und Täter werden können.“ Richter äußerte Vertrauen in die Gnade Gottes, der die Kraft gebe, „innezuhalten, aufzustehen und zu sagen, was ist“. Immer wieder würden sich auch in einer krisenhaften Welt Menschen für andere Menschen einsetzen. „Deshalb kommt, lasst uns gehen und mit Gottes Hilfe an seinem Frieden bauen“, so der Appell der Bischöfin.
Auf die Gefahren des Mitläufertums hat Bischof Scheuer hingewiesen. „Monster gibt es, aber es sind zu wenige, um eine echte Gefahr darzustellen“, zitierte er den italienischen Schriftsteller und Auschwitz-Überlebenden Primo Levi. Gefährlicher seien „gewöhnliche Menschen, Funktionäre, die bereit sind, zu glauben und zu handeln, ohne Fragen zu stellen“. Scheuer stellte die Frage, wie ein sittliches Bewusstsein auf ein solch niedriges Niveau hinab gezogen werden könne, wie Abwehrkräfte dagegen gemindert werden. Eine Antwort darauf habe der von den Nazis ermordete evangelische Theologe Dietrich Bonhoeffer versucht: „Der tyrannische Menschenverächter macht sich das Gemeine des menschlichen Herzens leicht zunutze, indem er es nährt und ihm andere Namen gibt: Angst nennt er Verantwortung, Gier heißt Strebsamkeit, Unselbständigkeit wird zur Solidarität, Brutalität zum Herrentum.“ Unter den heiligsten Beteuerungen der Menschenliebe treibe die niedrigste Menschenverachtung ihr finsteres Geschäft, so Bonhoeffer. Die verbleibende kleine Zahl der Aufrechten werde mit Schmutz beworfen.
Für die musikalische Gestaltung des ökumenischen Gottesdienstes sorgte der Chor „Musica Viva“ der Pfarre Mauthausen unter der Leitung von Alfred Hochedlinger. Die offizielle Befreiungsfeier begann im Anschluss an den Gottesdienst um 11 Uhr. An ihr nahmen auch eine Reihe von Vertreterinnen und Vertretern der Kirchen und Religionsgemeinschaften teil.
Neugestaltung der Aschenhalde
In der KZ-Gedenkstätte ist das Holzkreuz, das bisher an der Aschenhalde an die Opfer erinnert hat, zuletzt in die Kapelle übertragen worden. Beim ökumenischen Gottesdienst wurde das Kreuz an seinem neuen Platz in der Kapelle gesegnet. Dieser Akt ist Teil der Neugestaltung der Aschenhalde. Sie soll künftig deutlicher als bisher als Friedhof sichtbar gemacht und interkonfessionell gestaltet werden.
Die Aschenhalde ist ein halbrunder Abhang im hinteren östlichen Teil des Geländes der KZ-Gedenkstätte. Dort wurde die Asche aus den Krematorien, in denen die Leichen getöteter Gefangener verbrannt wurden, hinuntergekippt. Nach dem Kriegsende und der Befreiung des Lagers wurden ab 1947 an der Oberseite des Hanges erste Elemente einer Gedenkstelle errichtet, darunter ein weiß lasiertes Holzkreuz. In den 1950er Jahren wurde dieses durch jenes Holzkreuz ersetzt, das bis jetzt an dieser Stelle an die Opfer des Konzentrationslagers erinnerte.