Warum Mütter keine Engel sind
Mütter dürfen Menschen sein, meint Julia Schnizlein
Heute ist Muttertag. Ein Tag für Blumen, Frühstück ans Bett und gebastelte Karten. Ein Tag, an dem wir Danke sagen – und gleichzeitig eine ziemlich große Erwartung mitfeiern: nämlich, dass Mütter irgendwie besonders sind. Geduldig. Liebevoll. Selbstlos. Fast ein bisschen übermenschlich: Engel ohne Flügel!
Und genau da beginnt das Problem. Nicht alle Frauen sind Mütter. Aber alle Menschen haben eine und fast jede, und jeder hat eine Geschichte mit ihr. Eine gute vielleicht. Eine komplizierte. Eine schmerzhafte. Für manche ist die Mutter ein Ort von Geborgenheit. Für andere ein Ort von Spannung, Enttäuschung oder sogar Verletzung.
Muttertag ist deshalb nicht für alle ein leichter Tag. Vielleicht auch, weil wir Mütter so oft als Ideal denken. Als das, was sie eigentlich sein sollten – und nicht als das, was sie sind. Und das macht Druck. Auf Kinder, deren Mütter diesem vermeintlichen Super-Mom-Ideal so gar nicht entsprechen und auf Mütter, die versuchen, ihm gerecht zu werden: immer geduldig zu sein, nie die Nerven zu verlieren, selig lächelnd die Schokoflecken vom Sofa zu schrubben, während im Hintergrund schon das nächste Chaos entsteht. Mütter, die gleichzeitig mit Gefühlen kämpfen, die sie sich eigentlich nicht zugestehen wollen, nämlich Wut, Hilflosigkeit und Überforderung. Gerade am Muttertag ist es wichtig zu sagen: All diese Gefühle sind normal und in Ordnung.
Mütter sind Menschen – diese Super-Mütter sind eine Erfindung! Sie sind ungefähr so real wie Märchenfiguren, und trotzdem setzen sie Maßstäbe, an denen reale Menschen nur scheitern können. Vielleicht ist genau das der Punkt, an dem es sich lohnt, in die Bibel zu schauen. Die macht bei der Weichzeichnung der Welt nämlich, wie so oft, nicht mit. Sie erzählt von Müttern – aber sie verklärt sie nicht.
Da ist Eva, die erleben muss, wie einer ihrer Söhne den anderen erschlägt. Da ist Sara, die lange auf ein Kind wartet, dann ungeduldig wird und eine andere Frau für sich schwanger werden lässt. Da ist Hagar, die gar nicht gefragt wird und sich plötzlich allein, schwanger und auf der Flucht in der Wüste wiederfindet. Da ist Rebekka, die ihren Lieblingssohn bevorzugt und für ihn den Rest der Familie hintergeht. Da ist Jochebed, die ihr Kind in ein Körbchen legt und dem Nil überlässt, um es zu retten. Und da ist Maria, die ihren Sohn nicht immer versteht und am Ende unter seinem Kreuz steht.
An solche Geschichten denken wir selten, wenn wir einen positiven Schwangerschaftstest in den Händen halten. Es sind Geschichten von Überforderung und Mut, von Liebe und falschen Entscheidungen, von Hoffnung und Kontrollverlust. Von Frauen, die versuchen, das Richtige zu tun und dabei manchmal scheitern. Von Müttern, die nicht alles im Griff haben und trotzdem weitermachen.
Das sind keine Heldinnengeschichten. Das ist Leben. Und vielleicht liegt genau darin eine Entlastung. Für die, die Mütter sind. Und für die, die mit ihren Müttern ringen. Denn wenn Mütter keine Engel sind, dann dürfen sie Menschen sein. Mit Grenzen. Mit Fehlern. Mit Brüchen.
Und vielleicht verändert das auch den Blick zurück: Manchmal hilft es zu sehen, dass auch die eigene Mutter nicht nur eine Rolle war, sondern ein Mensch mit einer eigenen Geschichte. Ein Mensch, der geliebt hat, so gut er konnte – und geprägt hat, auf seine eigene Weise.
Muttertag soll kein Tag der perfekten Bilder sein, sondern ein Tag der Ehrlichkeit. Ein Tag, an dem Platz ist für Dankbarkeit – und für Ambivalenz. Für Nähe – und für Distanz. Für Liebe – und für das, was nicht gelungen ist.
Für Mensch Mama.